Erwartungen

Was erwarte ich von dieser Reise?

Es ist pathetisch zu sagen: das Ziel sind Lou und ich, wir wollen bei uns ankommen. Lou ist völlig bei sich, im Hier und Jetzt und nirgendwo sonst. Sie hat Hunger, dann isst sie und ich bereite das Essen zu oder stille sie. Ihr ist unwohl, dann schreit sie und ich tröste. Ihr ist langweilig, dann ziehe ich uns an und wir gehen raus. Lou hält mich im Augenblick. Kein Abschweifen, kein Träumen, den Moment leben, auskosten; weiter, nächster Moment. So lassen wir uns treiben, seit einem Jahr. Das ist wunderbar.

Das Reisen ist ebenfalls ein Sich-Treiben-Lassen. Das Erzählen darüber ist ein Glühen und Schwärmen. Aber wieder Zuhause, allein in der eigenen Wohnung, schrumpft die große Welt zusammen als hätte es all die Abenteuer nie wirklich gegeben. Das Abenteuer Kind, der Zwang im Moment zu leben, bleibt. Was will ich eigentlich unterwegs?

Von meinen Reisen bin ich energiegeladen, voller Tatendrang und Euphorie zurückgekehrt, jedes Mal mit der Überzeugung mein Leben dauerhaft zu ändern. Irrglaube. Tiefgreifend und dauerhaft sind drei Dinge: die Erkrankung an Epilepsie, mein Partner Holm und meine Tochter Ella-Lou.

Um mich selbst zu spüren brauche ich eigentlich keine Gipfel Besteigung, keine peitschende Gischt in meinem Gesicht. Jeder Anfall meißelt mir in die Seele, dass alles endlich ist und jedes Lachen meiner Tochter zeigt mir, dass ich lebendig bin und von Liebe erfüllt.

Das gewöhnliche, zeitlich beschränkte Reisen macht aus dir keinen besseren oder glücklicheren Menschen. Es ändert meist auch nur wenig an deiner Haltung. Man trägt seine Sorgen und seine großen Fragen an das Leben im Rucksack durch die Welt. Im besten Fall vergisst man sie eine Weile. Aber sie verschwinden nicht.“ (Philipp Laage, Reisejournalist)

Unsere Reise ist kein Selbstfindungstrip. Es soll vielmehr ein „In-Meine-Mitte-Finden“ sein: Muskeln aktivieren, die lange ungenutzt waren, Sprachen sprechen die in der Krabbelgruppe unsinnig sind, Begegnungen erleben, die der tägliche Sparziergang um den See nicht bietet, schmecken, sehen, riechen… Neuer Input.

Und ganz bestimmt werde ich am Ende wiedereinmal feststellen wie privilegiert wir sind. Beständigkeit, Alltag, Arbeit, Freunde, Frieden, Rentenversicherung – schätzenswerte Banalitäten in dieser verrückten Welt.

Die Reise soll mich erinnern negative Routinen abzustellen und Gewohnheiten zu entwickeln, die positiv zum täglichen Wohlbefinden beitragen. Meist sind das ganz profane Dinge: früher aufstehen, häufiger Menschen ansprechen, besser zuhören, sich immer nur einer einzelnen Sache mit voller Konzentration widmen (die nicht Ella-Lou heißt). Ich möchte mich nicht nur aufs Muttersein konzentrieren sondern auch wieder meine Potentiale erkennen und ausschöpfen. Ich möchte wieder mutiger werden. Ich möchte wieder mehr Charakter an den Tag legen, weniger Attitüde, fokussierter, wacher (was mit Lou´s Durchschlafverhalten relativ ist), ehrlicher zu mir sein.

Und ich möchte meiner Tochter die weite Welt zeigen. Lou erlebt jeden Tag etwas Neues. Es ist schön gemeinsam Neues zu entdecken.

5 Gedanken zu “Erwartungen

  1. Du schreibst so schön und schon hast du uns! Jetzt freuen wir uns mit euch und die dämliche Angst, euch könnte,ohne Holm, was passieren verliert sich. Wir freuen uns jetzt schon auf das Wiedersehen und deinen Berichten.Liebe Grüße Opa und Oma

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  2. Hallo liebe Paula, ich finde deine Geschichte aufregend und sehr mutig und möchte sie gerne mit verfolgen dürfen. Ich habe eine Tochter (31), die sehr abenteuerlustig, verwegen, neugierig und mutig ist. Sie ist hochgradig schwerhörig(fast taub), hat ihr Abitur gemacht und Psychologie studiert. Abenteuerlustig ist sie, weil sie klettert, in der Welt umherreist und sich trotz ihrer Behinderung immer alles zutraut und vor nix Angst hat. Ich bin stolz auf sie. Am 09.12. fliegt sie nach Peru und trotz alledem habe ich Angst um sie, was du als Mutter sicher verstehen kannst.
    Für deinen weiteren Weg viel Kraft, tolle Begegnungen und liebe Grüße Nina(56). Ich bin in Gedanken bei dir 🙂

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    1. Liebe Nina,
      Vielen Dank für deine liebe Nachricht. Das klingt 1:1 als würde meine Mama mich beschreiben, inklusive schwerhörig… stark ironisch gemeint 😉
      Es ist für Sie immer wieder schwer mich ziehen zu lassen. Nun endlich erhalte ich eine Ahnung weshalb. Mutterliebe bedeutet auch sich sorgen… Das auszusprechen ist wichtig.
      Deine Tochter ist mutig! Und Peru ist phantastisch! Hast du schon einmal daran gedacht sie zu begleiten? Meinen Mama wurde von mir angesteckt, ist gerade von Island zurück und startet nach Neuseeland…
      Beste Grüße und vielen Dank für deine Unterstützung!

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