Zweifel

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Ein schönes Abschiedsgeschenk. Der Kranich – Leichtigkeit auf festem Fundament.
Ich mag das Wort Abschiedsgeschenk nicht. Reisegeschenk ist viel schöner, denn es begleitet einen.
Sowie das Symbol des Kranichs. Er überwindet mit Leichtigkeit mehrere hundert Kilometer am Tag, weil er seine Kräfte klug einteilt.
Blablabla… Was soll das? Misst! Der Rucksack steht gepackt in der Ecke.

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Jedes Mal wenn ich an ihm vorbei komme, fängt mein Herz an zu rasen und mein Bauch kribbelt. Blödes Gefühl. Unangenehm. Wo kommt das her? Etwas Aufregung ist bei jeder Reise dabei. Aber dieses Gefühl: Unsicherheit, Zweifel. Das ist ganz neu. Es ist ja nicht so, das wir uns ins Niemandsland begeben. Fließend Wasser, Strom, WiFi – alles vorhanden.

Die Welt brodelt und wo sich die Menschen nicht mit Waffen umbringen, schafft es ein Virus Tausende innerhalb kürzester Zeit zu ermorden. Es ist eine Sache die Verantwortung für sich selbst zu haben, aber nun ist Ella-Lou dabei. Kann ich es wirklich verantworten Sie all den Gefahren dieser Reise auszusetzen?
Oh Gott, jetzt klinge ich schon wie meine eigene Großmutter. Was ist los mit mir? Es ist doch nichts Großes dabei. Oder doch?
Die Erfahrung zeigt, dass eben doch immer wieder etwas passieren kann und meistens dann, wenn ich mich in Sicherheit wiege: den Machu Pichu ohne Blessuren überstanden und zwei Tage später im kuscheligen Hotel eine Lebensmittelvergiftung der Sorte „Es kann nicht schlimmer werden“ bekommen.

Hinzu kommt dieses latent schlechte Gewissen. Ist es egoistisch Lou ihrem Papa zu entziehen und dem Papa seine Tochter? Klar, es war eine gemeinsame Entscheidung aber es bedurfte einiger Überredungskunst. Gut es sind ja auch nur 5 Wochen.
Und um ganz ehrlich zu sein ist da noch ein Gefühl. Ganz unterschwellig aber beharrlich nagt es an mir: ich will gar nicht weg.
Wo zum Teufel kommt das denn her? Wie soll ich damit umgehen? Klappe halten, unterdrücken und in den Flieger steigen? Ich kann seit Tagen nicht richtig schlafen.

Zwei Tage vor dem Abflug: Ich sitze im Büro, erledige die letzten administrativen Sachen und merke wie er mir langsam den Rücken hinauf kriecht. Wie ein dunkler kalter Schatten legt er sich auf mich. Er krallt sich um meine Schultern. Alles spannt sich an. Er schiebt seine riesigen kalten Pranken von hinten über meinen Kopf bis zur Stirn. Dort bohren sich seine Krallen in mein Gehirn und ich ergebe mich ihm. Langsam gleite ich vom Stuhl und ich versinke in meine Welt. Es ist ein Gemisch aus Angst und Wonne sich einem Anfall hinzugeben, nicht dagegen anzukämpfen. Wie ein Sog zieht es mich hinab in eine Welt in der mir keiner folgen kann.

Ich wache wieder auf, wische mir den kalten Schweiß von der Stirn, sortiere mich. Immer der selbe Ablauf: wo bin ich, habe ich mich verletzt, ist etwas zu Bruch gegangen, kann ich mich bewegen. Alles in Ordnung. Es war nur ein kleiner Anfall.
Scheiße, und was wenn mir das mit Lou passiert, irgendwo im Nirgendwo? Ich blase alles ab!
Aber will ich diese Reise nicht auch genau aus diesem Grund machen? Ich will wissen ob und wie ich diesen EXTRAKOFFER tragen kann. Mir ist zum heulen zumute.

2 Gedanken zu “Zweifel

  1. Und ich dachte immer, dass ich die Einzige bin, die Angst hat. Angst macht vorsichtig und das ist gut so! Ich bin überzeugt, dass es schön wird und alles gut geht. Lou ist ja bei dir!!!!!!!

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