42 Stunden

6.10, 6:20 Uhr

Letztes Familienfrühstück. Noch eine schlaflose Nacht. Ich bin völlig gerädert. Und die kommende wird bestimmt nicht besser.

12:30 Uhr

Wir verlassen die Wohnung. Lou’s Oma spielt Flughafentaxi und steckt noch ganz viel Mutterliebe in unsere Koffer.

13:30

Flughafen Tegel CheckIn. Ich habe einen „Mutter-Kind-Platz“ gebucht. (In groesseren Fliegern bekommt man den Platz an einer Zwischenwand in die man während des Fluges ein Kinderbettchen einhängen kann. Zudem darf man bis zur Gangway einen Kinderwagen mitführen, den man direkt nach dem Ausstieg wieder bekommt.) Laut Gepäckmass passt der Qeridoo zusammengefaltet genau durch das Securitydurchleuchtungdingens – theoretisch.

Ich habe Elle-Lou in der Manduca vor meinem Bauch verstaut, lege unser Handgepäck aufs Band, klicke die Räder ab und falte den Qeridoo zusammen, schaue mich nach Hilfe um und fordere die Dame hinter dem Band auf, mit anzufassen. „Nee, dafür sin‘ wa nich‘ zuständig.“ Ich hieve, Lou vor dem Bauch, die Karre alleine aufs Band um sofort die Dame meckern zu hören „Wie stelln se sich dit voar? Wolln se mit dit Monsta hia durch? Nee, passt nich. Dit is Sperrjepeck. Hätt‘ ick Ihnen aba och vorher sajen können.“

Hast du aber nicht, dumme Nuss. Sie erklärt mir den Weg zum Serrgepaeckschalter: am komplett anderen Ende des Flughafens. Ich falte, mittlerweile etwas unter Anspannung, den Kinderwagen wieder auseinander, setze den Rucksack auf uns stapfe los. Ich frage mich durch, endlich angekommen bekomme ich den Hinweis zu spät zu sein. Man könne mir nicht mehr garantieren, dass der Wagen in den Flieger kommt, wolle es aber probieren. Selbes Spiel: Räder ab, zusammenfalten, alleine aufs Band hieven.

Mittlerweile rinnt mir der Schweiss. Der Rucksack und Lou wiegen zusammen gute 20 Kilo. Mein Rücken brennt. Wer wollte Wandern gehen? Ich bin zurück am Securitycheck und schnappe nach Luft. „Sehn se, ham se ja noch jeschafft.“

15 Uhr

Der Flieger hebt ab. Unendlich unbequem werden wir Menschen in Fliegern auf völlig unnatürlich Enge zusammengequetscht. Lou quietscht vor Vergnügen und tatscht unentwegt dem Mann neben uns auf die Schulter. Der zückt entnervt (jetzt schon?!) eine Zeitung. Yippie Spielzeug, denkt sich Lou und zerfetzt die erste Seite. Gut, eine tiefe Freundschaft wird nicht zwischen den beiden entstehen.

l5:30

Mir ist schlecht, mein Rückenschmerz wird stärker, kriecht in den Kopf, die schlaflosen Nächte rechen sich. Mir wird eiskalt, ich fange an zu zittern und spüre wie im Zeitlupentempo ein Glas in meinem Kopf zerspringt: langsam bohren sich die Millionen Splitter in meine Hirnrinde und senden einen allarmierend stechenden Schmerz. Lou beruhigen, ich nehme sie an die Brust, Augen zu schlafen.

16:30

Paris, der Schmerz ist nicht verschwunden. Ich muss erbärmlich aussehen, beim Aussteigen fragt mich der Flugbegleiter ob mir nicht wohl sei. Ich bitte ihn um Parcetamol. Die Umstieghilfe wartet und chauffiert uns mit dem Rollstuhl und einem kleinen Bus zum nächsten Gate.

Tipp: Um als allein reisende Mama oder Mensch mit Behinderung den Stress beim Umsteigen zu umgehen, kann bei jeder Fluglinie eine Umstieghilfe beantragt werden – ohne Extrakosten. Man wird von einem zum anderen Gate begleitet – mit oder ohne Rolli – Pass und Zollkontrolle wird gesondert und schnell abgefertigt und manchmal hat man eine extra bequeme Wartezone, wenn man überhaupt warten muss. Einmal mit den Helfern ins Gespräch gekommen, hört man herrliche „Hinter den Kulissen“ Geschichten über den Flughafenalltag.

Ich liege im gesonderten Wartebereich auf dem Boden, Füße im 90° Winkel auf dem Stuhl. Die Bandscheibe zieht und der Kopf hämmert. Misst, Misst, Misst! Was mache ich hier bloss? Soll ich jetzt doch alles abbrechen? Wie verdammt will ich so wandern gehen?

Lou turnt quitschvergnuegt zwischen den Sitzreihen umher, versucht sich im Freistehen und kommt immer wieder zu mir um sich einen Kuss abzuholen. Sie ist phantastisch! Wenn mich Holm hier liegen sähe würde er mich an den Haaren nach hause zerren und nicht wieder los lassen. Langsam wirken die Tabletten.

21 Uhr

Kein Rückzieher! Wir sitzen im Flieger nach Mauritius. Wir haben gegessen. Lou ist gestillt und gewindelt – herrliche Herausforderung auf 0,247 qm Flugzeugtoilette – und macht es sich in ihrem Kinderbett bequem. Mit uns sitzen noch 7 weitere Kinder unter 4 Jahren im Flieger. Ganz ehrlich: früher fand ich Kinder im Flieger ätzend. Mein Platz musste soweit wie möglich von ihnen entfernt sein. Ich konnte dieses Gejammer nicht ausstehen.

2 Uhr

Ich finde andere Kinder im Flieger immer noch ätzend. Lou schlummert Seelen ruhig aber das Süße Mädchen neben uns schreit seit Stunden unentwegt. Der Vater pennt und die Mutter versucht es durch permanentes Klappern, Rasseln und Brabbeln abzulenken… vom Schlafen?! Am liebsten würde ich es mir schnappen und an die Brust legen. In nullkommanix wäre Ruhe. Aber so muss ich Ruhe bewahren, die Oropax tiefer rein stopfen und noch eine Paracetamol nehmen.

7.10, 8 Uhr plus 2 h Zeitverschiebung

Mauritius. Ein unglaublich umsichtiger und netter Creole nimmt uns in Empfang und schiebt uns begleitet von herrlichen Anekdoten durch den Flughafen. Dummer Weise hat man in Berlin unser Gepäck nicht bis nach La Reunion durch geschickt, es wird in Mauritius ausgeladen und ich muss es wieder aufgeben. Dank unserer erstklassigen Hilfe ist das alles kein Problem: ich tue nicht einen Handschlag und Lou und ich sitzen kurze Zeit später mit Gepäck im letzten Flieger für diese Reise.

10 Uhr

La Reunion. Waschküchenklima. Winziger Flughafen. Keine Aircondition. Kein Idriss.

12 Uhr

Immer noch kein Idriss.

Idriss ist ein alter Bekannter aus meiner Pariser Schulzeit. Wir haben uns auf Facebook wiedergefunden und er bot mir eine erste Unterkunft auf Reunion an.

Die Dame von der Flughafen Information versucht es schon zum 4 Mal ih auf seinem Handy zu erreichen. Lou hat die Hitze umgehauen, sie schläft seit einer Stunde in der Manduca.

Eine ältere Dame neben uns bekommt meine langsam aufsteigende Unruhe mit (für die ich eigentlich überhaupt keine Energie mehr übrig habe). Sie bietet mir Ihr Handy an und ich versuche es im Minutentakt Idriss zu erreichen. Ich wäre gerne sauer, aber mir fehlt die Energie dazu. Parallel suche ich im WLAN Netz des Flughafens eingelogt, nach einer preiswerten Unterkunft in der Nähe. Da klingelt das Telefon. Idriss: „Ich habe ganz vergessen, dass ihr heute kommt. Ich bin am anderen Ende der Insel. Ich beeile mich und bin in maximal einer Stunde bei euch.“

14 Uhr

Zwei! Stunden später lädt er uns vor seinem Apartment ab: er müsse noch mal los, sei aber am Abend zurück, wir sollen es uns bequem machen.

Im Apartment trifft mich der Schlag! Sofort nehme ich Ella-Lou wieder hoch. Hier könnte sie sich alle möglichen Krankheiten einfangen! Ich versuche Haltung zu bewahren, bahne mir einen Weg zu jedem Fenster und lasse Luft rein, nehme die Einmalhandschuhe aus dem Rucksack und richte das Schlafzimmer soweit her, das Lou und ich Mittagsschlaf mach können. Ich überwinde mich ins Bad zu gehen, weil ich wirklich nichts anderes mehr will als zu duschen und zu schlafen.

18 Uhr

Die Rückenschmerzen sind weg. Das Apartment noch da. Unsere Mägen leer… genau wie der Kühlschrank. Nachricht von Iris: “ Es wird später.“ Vor dem Haus ist ein Supermarkt.

20:30 Uhr

Putzschwamm, Lufterfrischer und Fit liegen benutzt im sauberen Bad, Baguette, Pain au Chocolat und Wasser stehen neben mir, Lou liegt im Bett das Bier im Kühlschrank und die frische Pizza wurde gerade geliefert.

22 Uhr

Ich höre drei Fernsehsender gleichzeitig. Die Wände bestehen aus Pappmaschee. Der Nachbach kocht Schafsinnereien – oder Schlimmeres – der Geruch zieht langsam unter der Tür durch und vermischt sich mit dem kalten Zigarettengeruch der Wohnung und dem Melone – Dufterfrischer aus dem Supermarkt. Super Mix!

Nachricht von Idriss: „Komme heute nicht mehr nach hause“…

… würde ich auch nicht.

23 Uhr

Ich kuschle mich an mein selig grunzendes Töchterchen, sauge ihren süßen  Babygeruch ein, träume mich in die Arme meines Mannes und versuche einzuschlafen und bleibe dabei immer wieder an einem Gedanken hängen: Paula wie bescheuert bist du eigentlich?!

4 Gedanken zu “42 Stunden

  1. Meine liebe Freundin, du hast meinen vollen Respekt für das was tust! Nicht nur dort wo du grade bist, sondern auch sonst – dein ganzes Leben lang! Du bist jetzt vollkommen auf dich gestellt … Mit Extragepäck und Extraüberraschungen, die sicher nicht immer positiv sein werden. Wenn du zurück kommst, dann wirst du lachen über die Kleinigkeiten, über die wir uns sonst so aufregen. Chapeau!

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  2. Liebe Paula,

    ich lache, leide, fühle, schwitze und reise mit Dir! Es ist wunderbar, Dich auf diese Art begleiten zu dürfen, auch wenn deine Erlebnisse bisher eher nach purem Abenteuer klingen.

    Abenteuer, die Dich noch mehr zu Dir bringen.
    Abenteuer, die Dich schätzen lassen, was Du hast.
    Abenteuer, die das Leben lebenswert machen.

    Ich wünsche Dir und Ella-Lou eine tolle Zeit und freue mich darauf, wieder von Euch zu lesen! Passt auf Euch auf…

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  3. Bei jedem würde ich sagen, komme zurück, bei Paula nicht. Du schaffst es und es wuerd noch schön werden, davon bin ich überzeugt!

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  4. Toller Beitrag – ich musste herzhaft lachen! Nicht entmutigen lassen – Reisen ist toll – manchmal aber auch erst wenn es vorbei ist. Herzliche Grüße und eine unvergessliche Zeit – die DFF – SCHULZE 🙂

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