Saint Denis

Raus aus den Federn rein in die Stadt. Lou hat mich lange schlafen lassen und so stehen wir erst nach 10 vor der Haustür. Ups, habe ich das gestern übersehen? Le mail du Chaudron –  das ärmste Viertel der gesamten Insel und wir mittendrin. Egal, Hunger & Neugier! Wo befriedigt man beides am besten? Auf dem Markt! Egal in welchem Land, ich steuere meist als erstes den einheimischen Wochenmarkt an: Leutekino, landes typisches Essen, exotische Früchte, neue Gerüche. image image image

Ella-Lou trohnt, wie eine Prinzessin, sanft hin und her geschaukelt, über den Dingen in der Rückentrage. Bleibe ich zu lange an einem Stand stehen ohne sie mit einzubeziehen piepst und murrt sie, bis ich ihr einen Duft unter die Nase oder einen Geschmack vor den Mund halte. Es ist wunderschön das mit ihr zu teilen.

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Heben wir allerdings die Köpfe über das Markttreiben, kann die schönste Orchidee nicht vertuschen wo wir sind. Im Molloch. Le mail du Chaudron.

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Nach dem Mittagsschlaf stellen wir fest, dass auch der Rest von St. Denis genau diesem ersten Eindruck entspricht.

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Im Reiseführer wird von einer morbiden und versteckten Schönheit gesprochen… Ich würde eher schreiben: St. Denis = Flughafen. Ankommen und raus da. Mit ganz viel Mühe kann man in der rue de Paris alte Villen der ehemaligen Zuckerrohr Barone erahnen. Aber alles erstickt im Abgasstaub der unzähligen Autos. Es ist mühselig St. Dienis zu Fuß zu erkunden, es geht ständig hoch und runter, kaum 50 Meter die sich gerade erstrecken. Wenn ich nach dem Weg Frage, wird mir gesagt: „links hoch, die nächste runter und dann rechts wieder ganz hoch…“ Viel mehr, als an den hässlichen Gebäuden, sehe ich mich an dem schönen und vielfältigen kulturellen Mix in den Gesichter der Menschen hier satt. Die ethnischen Gruppen der Stadt bestehen aus eingewanderten Europäern, den als Sklaven verschleppten Afrikanern, aus Chinesen und islamischen Indern und ihren Nachkommen, den Kreolen. Die Amtssprache ist Französisch aber auf der Straße wird Kreolisch gesprochen.

Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts war Réunion unbewohnt. Im Zuge der französischen Kolonialisierung kamen französische Siedler auf die Insel, die für die Plantagenwirtschaft (Bourbon-Vanille, Zuckerrohr) Sklaven aus Madagaskar, Ostafrika und Indien dorthin verschleppten. Mit dem Ende der Sklaverei auf Réunion 1848 erhielten ca. 60.000 freie Sklaven den Status der ca. 35.000 Bürger. Billige Arbeitskräfte für die Landwirtschaft wurden nunmehr aus Indien, Afrika und China angeworben. Die Nachkommen der einstigen kolonialen Siedler und Sklaven bilden eine verhältnismäßig homogene Gesellschaft und werden zusammen als Kreolen (créoles) bezeichnet. Als identitätsstiftend für alle Réunionaisen wird heute die als „Métissage“ bezeichnete Vermischung und das friedliche Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen betrachtet. WIKIPEDIA

Genauso verhält es sich auch mit den Religionen, es gibt von allem etwas. Weil alle Sklaven ohne Ausnahme zwangskatholiziert wurden, bekennt sich die große Mehrheit zum römisch-katholischen Glauben. Erst nach Abschaffung der Sklaverei wurde den indischen Vertragsarbeitern die Religionsausübung erlaubt. Weshalb es hier eine große Anzahl an Hindus und Muslimen gibt. Unter den Chinesen gibt es einige Buddhisten. Aber der Aberglaube ist neben den institutionellen Konfessionen der weit verbreiteteste Glaube. Idriss ist sogar „multireligiös“. (Sagt man das so?) Getaufter Katholik und Kirchgänger und in der Wohnung trägt er Kappe und betet zu Allah. Er sitzt mit gegenüber, wir trinken thé-créole und schwatzen über die vergangenen Jahre. Es ist 19! Jahre her, dass wir uns gemeinsam im Internat in Paris heimlich die ersten Zigaretten teilten. Wie zwei Fischer sitzen wir vor einem See voller Erinnerungen und fischen einer nach dem anderen einzelne Episoden heraus. Lou schläft nebenan, wir lachen und ich habe ihm verziehen.

2 Gedanken zu “Saint Denis

  1. Wie schön, ich brauche keinen Urlaub, ich lese einfach Dich! Und ich freue mich über jeden neuen Beitrag. Idriss hat aber Glück gehabt, dass du so ein grosses Herz hast. Viel Freude weiterhin, liebste Grüsse aus dem 25 Grad warmen Budapest!

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