St. Gilles

St. Denis – St. Gilles, 30 Minuten mit dem Auto. Für uns: eine riesige Treppe, zwei Stunden mit dem Bus, drei mal umsteigen und in die Hände klatschen, was den Haltewunsch anzeigt und wir stehen am Meer. image Gekommen sind wir über die teuerste Autobahn der Welt! La Route du littoral oder „Route en corniche“. Die Réunionaisen rühmen sich damit, den Franzosen ist sie lästig, da sie unendliche Steuergelder verschlingt. Dabei sind es zum größten Teil EU-Infrastrukturfonds die dafür aufgewendet werden. Es wurde sogar ein Lied über dieses Thema geschrieben: „La Route en corniche“ von Michel Admette. image Endlich. So habe ich mir Réunion vorgestellt. Hier will ich bleiben: eine leichte Briese; türkis blaues Meer, schöne Menschen, entspannte Atmosphäre. Ich liege am Strand und habe mir ein Bier und Internetzugang für 2 stunden gekauft. Air bnb, TripAdvisor… Alle Portale sagen dasselbe wie der Herr in der Touristeninformation: „Zur Zeit gibt es keine Unterkünfte für unter 80 Euro und in Strand Nähe zu mieten.“ Also auf die altmodische Art: Ich spreche den Lifeguard an, ob er nicht jemanden kenne, der ein Zimmer vermietet. Innerhalb weniger Minuten sind Ella-Lou und ich umzingelt von seinen Beachboy-/Lifeguard-/ Surfer-/ Strandabhaeng- Freunden. Lou macht sich sofort Freunde und wird quietschend von braungebranntem Männerarm zu muskulösem Männerarm gereicht. Jeder telefoniert mal dorthin und mal dahin aber keiner kann uns ein Zimmer besorgen. In Paris sind Herbstferien und die „Metropolen“ haben die Insel in Beschlag genommen… image

Lou ist vom ganzen Schwimmen, Sandessen und Beachboy-Schäkern müde und schläft ganze 2 Stunden am Strand im Schatten des, eigens für sie, von ihrem neuen Freund Patrick, aufgestellten Sonnenschirmes. Und ich habe Ruhe und entspanne… irgendwie nicht. Wieso geht denn hier am Strand meine verdammte Anspannung nicht weg? Ich gehe ins Wasser, lege mich neben Lou, esse ein Eis, schaue aufs Meer, lasse den Sand durch meine Finger rinnen… aber keine Entspannung, nichts.

wpid-20141010_161050_3.jpgAm frühen Abend machen wir uns auf den Rückweg. Bis St. Paul geht alles gut. Dann überraschendes umsteigen. Ich bin verpeilt und verpasse den Anschluss. Warten, den weiteren Anschluss in St. Denis werden wir nicht schaffen. Notlösung: Trampen. Mal sehen ob das auch mit Kind klappt. Gut, es dauert zugegeben etwas länger aber es klappt.

Wir holen den Anschlussbus ein und steigen um. Mittlerweile ist es dunkel. Um vom Busbahnhof zum Linienbus zu kommen, müssen wir eine große Baustelle überqueren. Am Tage war das kein Problem aber jetzt stehen links und rechts kleine Menschengruppen um einzelne Feuer herum. Sie rauchen, trinken und pöbeln. Mein Herz fängt an zu pochen, der Magen verkrampft sich, die Fingerknöchel werden weiß, so fest umkralle ich den Griff des Kinderwagens. Ich mache einen steifen Rücken und trete mit möglichst festem und sicheren Schritt auf. Ganz blöde Situation. Aber mit dem Kinderwagen die Autobahn zu überqueren wäre keine Alternative. Lou wird unruhig. Sie strampelt und meckert. Mein Plan sah anders aus: möglichst leise, möglichst unauffällig hier durch. Schon dreht sich der Erste zu uns um. Ich bin stark. Ich bin sicher. Uns kann keiner etwas anhaben! Ein Mann löst sich von der Gruppe und stolpert auf uns zu. Er lallt. Ich kann ihn nicht versten und laufe schneller. Ein anderer kommt dazu. Gleich sind wir auf gleicher Höhe. Lou wird lauter. Misst. Misst. Misst. Auf einmal spricht jemand direkt hinter uns. ich erschrecke. „Madame, Madame, warten Sie! Wo wollen sie denn mit diesem riesen Wagen um die Uhrzeit hin?“ Ich laufe unbeirrt weiter. Die anderen beiden stellen sich uns in den Weg. Mir rutscht das Herz in Hose. Cool drumherum und uns passiert nichts. Der hinter uns ruft den beiden vor uns was zu. „Madame, um die Uhrzeit ist es hier nicht der beste Platz für sie und ihr Baby!“ Ach ehrlich?! Wäre die Autobahn doch sicherer gewesen? „Wo wollen sie hin?“ Der hinter uns steht nun neben uns. Lou weint mittlerweile. „Zum Bus.“ kurz und präzise, Bloß keinen Akzent hören lassen. Da fällt mir das Willkommensgeschenk von Idriss ein. Misst der Rucksack mit dem KO-Gas ist vorne bei Lou. Ich beuge mich nach vorne, komme nicht dran. „Zum Bus? Aber da müssen Sie die Treppe nehmen. Oh das wird schwer mit dem riesigen Teil.“ „Alles gut, danke.“ Ein Vierter steht vorne an der Treppe. „Das können Sie doch nicht alleine. Bitte lassen Sie sich helfen.“ Die wollen mir helfen? „Danke, geht schon.“ Ich fange an, den Wagen, samt mittlerweile kreischedem Kind, die Stufen hoch zu hieven. Da greift der Vierte direkt neben meine Hand an den Griff. „Nehmen Sie mal das arme Kind, wir machen das schon.“ Wie jetzt? Ein anderer hällt schon das Vorderrad. Ich packe Lou und den Rucksack und schon schwingen zwei Männer den Wagen die Treppe hoch und auf der anderen Seite runter. Die anderen begleitet uns. Ich presse Lou fest an mich. „Wie alt ist sie denn? Hat ja die Haut einer Schneeflocke, ihre Kleine. Da müssen Sie in der Sonne aber aufpassen.“ Smalltalk? Babytips? Keine gezückten Messer? Auf der anderen Seite angekommen, wird der Wagen abgestellt, in Augenschein genommen, für „formidable“ erklärt und uns einen schönen Abend gewünscht. Erst im Bus komme ich zur Ruhe. Merkwürdig, ich als ihre Mutter muss ich Ella-Lou beschützen, aber gleichzeitig scheint es, als würde ihre bloße Anwesenheit uns ebenfalls schützen. Endlich im Bett, wird es draussen hell und laut: Mülltonnen brennen. Ich will raus aus dieser Stadt!

2 Gedanken zu “St. Gilles

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