Zuhause

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Der Kinderwagen hat einen Platten…

und genau so fühle ich mich. Ich bin platt und unfähig mich fortzubewegen und wenn, dann nur unter grosser Anstrengung.

Wir sind seit mehr als einer Woche la Réunion. In der Regel stellt sich nach 5/6 Tagen Reise- bzw. Urlaubsstimmung ein. Gut, mit Extrakoffer gebe ich mir 10 Tage. Aber jetzt soll das doch bitte schön mal endlich kommen, dieses Gefühl frei zu sein. Unabhängig.

wpid-20141014_160708.jpgUns geht’s hier so gut. Die Unterkunft bei Nadia stellt sich als echter Glücksgriff heraus: Wir tanzen zusammen mit den Kindern, am Abend wird Theater gespielt, neben unserem Zimmer hat eine Künstlerin ihr Atelier und unterrichtet Kinder im Malen. Lou hat ein riesiges, Areal zu entdecken, die Sonne scheint, wir sind in Sicherheit und wir erleben schöne Dinge.

Eigentlich müsste ich glücklich sein. Aber am Ende des Tages ist da immer dieses ungewohnte, unangenehme Gefühl. Je besser es uns geht, um so stärker wird es. Ich habe einen Verdacht.

Als ich meiner Mutter von den Reiseplänen berichtete fragte sie mich „Willst du dich denn selbst amputieren?“ Ich habe nicht verstanden was sie meinte. Bis jetzt. Mir rollen Tränen über die Wangen. Und es ist wie Abschied nehmen.

Ich dachte, Lou wäre von mir abhängig. Schnell habe ich festgestellt, dass ich ebenso von ihr abhängig bin – von ihrem Glück, ihrem Wohlergehen. Und jetzt stelle ich fest, dass ich noch von etwas ganz anderem, etwas völlig unerwartetem abhängig bin: von Holm, meinem Partner und von unserer kleinen Familie. Nun da ich alleine mit Ella-Lou reise, fehlt ein Teil meiner Familie und das bringt zu einem Teil diese Schwere.

Vor ein paar Tagen habe ich einen sehr treffenden Text gelesen. Ich lass ihn, um darin Bestätigung für meine Liebe zum Reisen, meine Liebe für die Ferne zu finden. Aber er öffnete mir die Augen, dass es genau so nicht mehr ist. Ich habe meine größte Liebe verloren.

„The wild flowers on the trails, the curious eyes of children in the windows, the sweet sounds of unfathomable tongues, the brightly coloured market streets, the enthusiastic waves of the vendors and the aromas of street kitchens beckon to me in my dreams. Even when I’m wide awake. That is why I will always love the world a little more than I will love you.“ (www.thecultureist.com)

Ich habe mich in der Welt zuhause gefühlt: geborgen in neuen Gerüchen, umkuschelt von fremden Laken und liebkost von all den Unvorhersehbarkeiten, die das Reisen mit dich bring. Ich habe immer gesagt, dass ich nicht egoistisch bin. Aber jeder Mensch, der gerne reist ist auch ein grosses Stück egoistisch. Ohne diesen Egoismus könnte man nicht die lieb gewonnen Menschen verlassen. Ohne diesen Egoismus könnte man nicht Blessuren und bleibende Narben beim besteigen von Bergen in Kauf nehmen. Ohne diesen Egoismus könnte man sich selbst nicht manches schlechte Zimmer in Hinterindien als aufregendes Abenteuer verkaufen.

Und jetzt? Ich dachte immer, dass mir eine normale Wohnung zu klein ist, die eigene kleine Familie zu spießig, immer der selbe Freundeskreis zu langweilig. Aber es ist genau das was ich jetzt vermisse. Ich habe bis jetzt immer die Welt vermisst und wenn ich unterwegs war konnte ich, wie eine Drogenabhängige, nicht genug von neuen Abenteuern bekommen. Jedes „nach hause kommen“ war nur zwischen Station.

Ich lebe mit meinem Partner bald zehn Jahre zusammen, er hat mich immer ziehen lassen… ich bin wieder gekommen. Gewiss habe ich ihn vermisst, aber der Drang Neues zu erleben war viel viel stärker. Und ich habe eben nur Ihn vermisst. Jetzt vermisse ich meine Familie, denn sie ist nicht vollständig. Ich vermisse nicht die Einbauküche oder das angenehme Bett, ich vermisse mein Zuhause. Und mein zuhause ist nicht mehr die Welt, mein Zuhause ist in den Armen des Vaters von Ella-Lou.

Ich gebe also meine alte grosse Liebe für eine neue auf. Ich glaube das schwere Gefühl in mir ist Liebeskummer.

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6 Gedanken zu “Zuhause

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