Piton de Maïdo

Montag Morgen, 7 Uhr. Ich übergebe mich zum zweiten Mal. Aber endlich ist es vorbei! Piton de Maïdo. Von 0 auf 2190 Meter in eineinhalb Stunden über unzählige Windungen, Biegungen und Kurven. Was für ein Ausblick! wpid-20141013_093453_2.jpg

Am Sonntag morgen habe ich am Strand eine Mutter kennengelernt und wir haben uns spontan zum Wandern verabredet.

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Ich dachte, Ella-Lou endlich auch einmal wecken zu dürfen, aber anscheinend hatte sie die Verabredung mit dem kleinen Julien ebenso ausgemacht wie ich mit seiner Mutter und so piekte mir eine quietsch fiedele Tochter um 5 Uhr morgens fortwährend ins Gesicht. Rucksack packen, anziehen, los geht’s. Der Piton Maïdo ist ein 2204 m hoher Berg auf der westlichen Seite der Insel. Unterhalb des Berggipfels liegt ein Aussichtspunkt, von dem aus man auf die Weite des Indischen Ozeans blicken und tief in den Cirque de Mafate schauen kann.

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Dieser Talkessel war lange Zeit ein Zufluchtsort ihrer Herren überdrüssiger Sklaven. Mafate war ursprünglich der Name eines ihrer Anführer. Der Cirque de Mafate ist ausschliesslich zu Fuss erreichbar. Vom Piton Maïdo kann man direkt in den Talkessel blicken. Der Ausblick gibt mir eine beeindruckende Bestätigung dessen, was ich mir von der Insel erhoft habe und lässt mich etwas zurückschrecken: Sind meine Wanderpläne nicht doch etwas zu hoch gegriffen?!

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Nicht zuletzt sind wir ja deshalb hier oben, ich will es ausprobieren: Wie tragen sich rund 20 Kilo und wie sind die Wege beschaffen? Vielleicht kann ich doch mit dem Kinderwagen…

wpid-20141013_105936.jpg … soviel dazu.

wpid-20141013_101526.jpgDas Ziel heisst beim Aufstieg „Grand Benage“, wird beim Laufen zu „Glaciere“ und um es vor weg zu nehmen, am Ende habe ich nach nicht mal 3 Stunden wandern das Handtuch geworfen – sprichwörtlich! Ich war schweissgebadet.

Ich hege den Verdacht, dass ich das Wandern mit Kind auf dem Rücken, nach langem Nichtstun und in diesen Höhen, definitiv unterschätzt habe. Aber genau dafür diente ja dieser Ausflug und ich denke, dass es noch einige dieser Art braucht um mich zu trainieren und alles besser einschätzen zu können.

wpid-20141013_113829.jpgLou hat auf dem Rückweg dann auch endlich ausgeschlafen und möchte die Gegend selbst erkunden. Sie unterzieht allen Wurzeln, Steinchen und Gräsern eine genaue Geschmachskontrolle.

Am Nachmittag zurück am Strand, bin ich glücklich, fast. Da ist immer noch dieses ungewohnte Gefühl in meiner Brust. Nadia, unsere Vermieterin,  ist wunderbar. Sie hat uns am Abend nach St.Paul eingeladen. Ein Freund spielt Musik am Stand und es gibt guten Wein. Auf der Fahrt stelle ich wieder fest, die Insel ist für Nicht-Autofahrer absolut ungeeignet und für Beifahrer beinahe unzumutbar, oder man lässt das Essen aus. Die Strassen winden sich alle paar Zentimeter und die Buse schleichen dahin und kratzen gerade mal so die größeren Haltepunkte an.

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Lou schwebt in den Zeiten und ist völlig entspannt. Sie macht unter einer Palme, auf meinem Arm oder in der Wanderkiepe ihre Schläfchen. Und wenn sie wach ist erforscht sie mit hellem Verstand  und schier unendlicher Hingabe jedes Detail ihrer Umgebung. Dabei sucht sie immer die Rückversicherung bei mir. Sie verzaubert ihre Umwelt. Ich weiss nicht nach welchen Maßstäben sie ihre Auswahl trifft, aber sie hat welche. Es gibt Menschen, die würdigt sie keines Blickes und von anderen, möchte sie gleich auf den Arm genommen werden. Binnen Sekunden findet sie neue Freunde und weint manches Mal, wenn ich sie trennen muss.

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Am Strand erobert sie jeden Tag ein größeres Terrain und entfernt sich mehr. Aber sie schaut immer wieder zu mir und ich bestätige sie in ihrem Forscherdrang. Dabei bilden wir eine völlig homogene Gemeinschaft. Es gibt kein „Nein“, kein „Stop“, kein „Das darfst du nicht“. Sie findet etwas, das sie, um es genauer zu inspizieren, in den Mund stecken möchte. Vorher schaut sie sich zu mir um, wie es scheint, um mein Einverständnis zu bekommen. Das gebe ich ihr meistens, auch bei kleinen Gegenständen. Ich setze mich daneben und wenn ich ihr meine Hand vor das Gesicht halte spuckt sie die Gegenstände ohne Wiederwillen aus. Dann erkläre ich ihr weshalb es nicht so eine gute Idee wäre diese kleine Koralle zu schlucken. Ich lasse mir von ihr zum 5372 Mal Sand geben, den sie unter größtem Staunen, Augendrehen und Quietschen in meine Hand drückt.

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Ich lasse sie die verschiedensten Dinge kosten: Sie trinkt die Milch einer gerade aufgehackten Kokosnuss; der Saft, einer vor unsere Füße vom Baum gefallenen Papaya, tropft ihr vom Kinn; Mangos und Bananen findet sie doof aber von der frischen Ananas, die ihr die Marktfrau gibt, bekommt sie nicht genug.

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Ich bestärke sie darin, jeden Tag ein Stück weiter zu gehen. Aber gerade nur den Schritt den sie selber gehen möchte und kann. Ich reiche ihr meine Hände aber ich geleite sie nicht zum Laufen, denn das kann sie noch nicht allein. (Außerdem soll sie sich damit ruhig noch Zeit lassen, bis ihr Papa sie dabei anfeuern kann.) Ich weiss, dass wir privilegiert sind diese Elternzeit zu haben. Schon im Vergleich mit den Franzosen, die ihre Kinder mit drei Monaten in die Krippe geben müssen, schätze ich mich sehr glücklich. Ich bin für jeden Moment dankbar, den ich mit meiner Tochter auf diese Art erleben darf. So, und jetzt krabble ich zu ihr ins Bett, gebe ihr noch einen Kuss von ihrem Papa und kuschle mich ganz dich an sie um mich von ihrem Atem in den Schlaf wiegen zu lassen.

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