Kelonia

16.10

Wir nehmen unser morgendliches Bad im Ozean, frühstücken, legen uns noch mal für eine kleine Siesta hin und radeln am Nachmittag mit dem Rad die Küste auf und ab.

Lou sitzt im Schatten, der Fahrtwind bläst ihr Frische ins Gesicht und sie spielt mit eine Flasche Wasser oder hält ein Nickerchen. Auf mich brennt die Sonne unbarmherzig nieder. Die Strasse reflektiert die Hitze und wenn ich den Mund öffne hüpft mein Herz raus, so sehr schlägt es um ausreichend Sauerstoff in meine Venen zu pumpen. image Nach 1,5 Stunden kommen wir in St-Leu an. Ich tausche nasses Shirt gegen luftiges Kleid, wecke Lou uns wir setzen uns über eine Stunde vor das Aquarium. Es ist kühl, dunkel, still. Majestätisch schwimmen die Riesenschildkröten vor unseren Augen hin und her.  Kelonia – eine Schildkröten Station mit Aquarium und Museum. imageimageAuf dem Rückweg halten wir auf halber Strecke an der Srandbar Bodega und gönnen uns ein kühles Sonnenuntergangsbier und eine Tappasplatte für drei Personen, denn ich habe Hunger für Sechs. image

18.10

Die Nachbarin nimmt uns samt Rad ein Stück die Küste mit runter bis L‘ Etang- Salé. Schnell scheitern wir am Versuch Le Gouffre – den Küstenwanderweg mit dem Rad zu machen. Nach ein paar Windungen scheitert auch unser Qeridoo. image Wir bleiben einfach an Ort und Stelle und schauen den Einheimischen zu, wie sie waghalsig barfuss, die spitzen Lavasteine bis hinunter zum Wasser klettern um dort ihre Angel auszuwerfen.

Hier, nicht einmal 40 Kilometer südlich von L’Ermitage sieht die Küste völlig anders aus. Hier brechen die Wellen mit grossem Getöse gegen schroffe Lavafelsen, der kleine Stand ist schwarz und die Wellen schäumen weit hinauf. Das Wasser ist tief graublau. Bei uns vorm Haus ist das Wasser seicht und spiegelglatt. Das vorgelagerte Korallenriff bildet eine Lagune. Die Wellen brechen sich viele Meter vorm Strand und alles was vom wilden Ozean am Strand ankommt ist das Rauschen. Das Wasser ist hell türkis und kristallklar.

Ella-Lou schaut gespannt einem alten gebrechlichen Fischer zu, wie er einen 3 Meter langen Bambusstab aus dem Auto hieft. Sie krabbelt ihm in den Weg und will unbedingt in seinen Eimer schauen. Wir unterhalten uns kurz und ich frage ihn nach der Bedeutung der vielen Kreuze: In Le Gouffre zerfleischt die Lava jeden Todesmutigen. Auf der Insel gibt es keine Züge und keine Hochhäuser, vor oder von denen sich Lebensmüden stürzen könnten. Hier stürzt mach sich ins Meer und kann sicher sein, dass die Wellen einen mit voller Wucht gegen die spitzen Felsen schmeissen und man so seinen sicheren Tod findet.

Das makabere an der Sache, es ist auch der Ort der Liebenden: Wenn sie glücklich sind, schnitzen sie Herzen in die Aloevera Pflanzen und wenn sie unglücklich sind schmeißen sie es über die Klippen… image image Eben noch alt und gebrechlich, balanciert der alte Fischer jetzt einem Seiltänzer gleich mit Eimer, Bambusroute und Zigarettenstummel im Mundwinkel leichtfüßig über die Klippen um sein Abendessen zu fangen.

Wir satteln auf und radeln weiter südlich nach St. Joseph zum Croco Park mit 162 lebendigen Krokodilen. Dabei sind wir mittlerweile recht bekannt. So werden wir an der Kasse gefragt, ob uns gestern die Schildkröten in St-Leu gefallen hätten.

Auf der Strasse wird ein Auto langsamer und der Fahrer kurbelt das Fenster runter: „Ihr ward doch gestern in St.Gilles auf dem Markt? Mensch dieser gigantische Kinderwagen ist ja auch ein Fahrradanhänger, die sind verrückt die Deutschen.“

Überhaupt finden die Leute Lou’s Soportex ganz phänomenal. Oft werden wir darauf angesprochen und die Kinder standen am Spielplatz sogar Schlange um mal Probe zu sitzen. image Auf dem Rückweg nehmen wir das Salzmuseum mit. Wie schon vor 100 Jahren wird hier immer noch in Trockenbecken Salz aus dem Meer gewonnen. image

20.10

Heute starten wir in Richtung Norden. Saint Gilles und das dortige Meeres Aquarium heisst das Ziel. Ausserdem will ich den Surfer treffen. Wir haben noch keine Unterkunft für den Rest der Reise. Mal sehen was er anzubieten hat. Der Tag hat vor allem viele Begegnungen anzubieten. image image image Der Surfer ist ein Surfer wie er im Buche steht. Knusprig braun, ein Körper zum niederknien, ein verschmitztes Lächeln, wuschelblonde Locken, Canabispflanze in der einen und Müllberge in der anderen Ecke. Er nennt es Künstlerwohnung.

Was er arbeitet? Dazu hätte er keine Zeit, er müsse ja surfen. Ohnehin wolle er gleich los, die guten Wellen kommen rein, schwups zieht er sein Shirt aus. Ich setze mich auf die Matratze und überlege. Boa sieht dieser Mann gut aus! Konzentriere dich Paula!

Ok, Wir hätten ein eigenes Zimmer, das Meer vor der Nase, allerdings kein warmes Wasser, keine Waschmaschine und keinen Schlüssel. Hier wird nicht abgeschlossen. Was man klauen könnte, wäre sein Gras, aber da das ja eh jeder in seinem Garten anbaut ist es irrelevant. Er nimmt einen Pflanzentopf in die Arme und streichelt über die Blätter. Dieser Mann sieht so unverschämt lecker aus. Dann geht er raus, kramt rum und steht mit einer Babymatratze in der Hand wieder in der Tür. Oh, und kinderlieb ist er auch noch! Es ist warm, der Bedarf an warmen Wasser also gering, ein Waschsalon gibt es um die Ecke, Pass und Kamera könnte ich bei der Post ins Schließfach legen. Und ich müsste putzen, gründlich.

„Ist die Matratze bequem?“ Ich hüpfe mit meinem Po von links nach rechts und wieder zurück. “ Ich denke schon.“ „Was die Leute so wegschmeißen ist doch echt erstaunlich!“ „Wegschmeissen?“ „Ja, die habe ich vom Sperrmüll. Die kleine hier auch.“ Da sehe ich die gelben Flecken auf der Matratze. Ich konnte mich bis jetzt nur auf die muskulöse Brust konzentrieren. Ich hebe die fleckige Tagesdecke von der Matratze auf der ich sitze und springe augenblicklich hoch. Schnell schaue ich auf den appetitlichen Mann um den Anblick der Matratze zu vergessen. Nein, hier schlafen wir nicht. Zumindest nicht auf diesen Matratzen.

Er verschwindet um die Ecke, Lou krabbelt hinterher und ich laufe mit. Da lächelt mir ein blanker Surferpo entgegen, der sogleich in einem Neoprenanzug verschwindet. Oder vielleicht doch hier schlafen – blitzt es für ein Millisekunde in meinem Kopf auf. Dann zieht mir Lou am Kleid, ich schnappe sie, verabschiede mich ohne zu oder ab zusagen und weiss ganz genau, dass ich uns etwas anders suchen werde. Lecker hin, lecker her hier geht es um mehr.

Wir schlaendern noch ein bisschen durch die Strassen um dann am Strand etwas zu essen. Ella-Lou findet gleich wieder Anschluss und krabbelt mit andern Kindern um die Wette. Ihr geht es prima. Die Leute hier auf der Insel nennen sie Schneeflocke. Und ihrer Mama geht es zunehmend besser. Obwohl diese Unruhe und das Schwere nicht weg sind.

Ich habe Bewegung aber ich will wandern. Schliesslich sind wir dafür auf die Insel gekommen. Das Radeln hat sich schnell erschöpft. Ich will weiter hoch, Berge sehen, Schluchten durchwandern, Vulkane erklimmen. Ich habe das Gefühl, in den 10 Tagen in denen wir hier sind noch nicht einmal einen Bruchteil gesehen zu haben. Aber wandern geht eben nur mit dem Auto. Grrr.

21.10

Wenn nicht zu Fuss, dann eben anders. Nadia passt auf Ella-Lou auf und ich steige morgens um halb sieben in ein Ultraleichtflugzeug. Yes! Dieses Kribbeln im Bauch, das will ich haben. Abenteuer.

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Nicolas überfliegt mit mir die gesamte Insel. Sie ist klein aber atemberaubend schön: La Roche Ercite, Cirque de Salazie, Piton Maïdo, Piton de Neiges, ja, ja, ja.  Er öffnet die Verkleidung, kippt leicht nach links und ich hänge, von meinem schmalen Gurt gehalten, 4000 Meter über dem Cirque de Cilaos. Auf Knopfdruck strömt Adrenalin durch meine Venen, ich bekomme kaum Luft, mein Herz hast. Ich fühle mich lebendig! Das will ich haben. Dafür reise ich.

Die Insel erinnert mich an einen riesigen Dinosaurierdrachen. Sie ist kantig, spitz, schroff, wild, grün, braun, rot, weiss, tiefblau, türkis und sie speit Feuer. Tiefe Schluchten durchfurchen grüne satte Berge, die drei Circes sind wie überdimensionale Skate Half Pipes: ein tiefes Tal umzingelt von riesigen Bergen. An den teils saftigen, teils zerrissenen Hängen, waschen sich Rinnsale ihren Weg um zu reissenden Flüssen zu werden, die sich in wunderschönen Wasserfällen in die Täler zu ergiessen. Im Süden der Insel breitet sich eine Mondlandschaft unter mir aus: der Piton de la Fournaise. Es sieht aus, wie ein eingefrorenes riesiges brodelndes Schlammbecken. Grosse und kleine Krater, Lavaflüsse, hier und da kleine Blubs. Circa alle 6-9 Monate bricht er an einer anderen Stelle aus. Die letzte grosse Eruption war 2007. Man sieht wie sich die Lava ihren Weg zum Meer gebahnt hat. Es ist wunderschön, beeindruckend und beängstigend.

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Nach einer Stunde stehe ich wieder auf dem Boden. Ich will mehr. Ich überrede Nadia zu einer Wanderung: Dos d’Âne – Le Cap Noir Et La Roche Verre Bouteille. Die Riemen der Wanderkiepe schneiden in meine Schultern, der Schweiss rinnt meine Stirn und den Rest des Körpers herab, meine Oberschenkel zittern auf den letzten hundert Metern – ich fühle mich fantastisch.

2 Gedanken zu “Kelonia

  1. Beim Lesen bin ich voll dabei, kann mir vieles bildlich vorstellen, sogar diesen braungebrannten muskelösen Surfer.Ich wünsche dir noch viele schöneTage.

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  2. Immerwieder schön deine Zeilen zu lesen. Dann fühl ich mich dir immer so nah! Freue mich schon alles live von dir berichtet zu bekommen! Pass auf dich auf meine Liebe!

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