Cirque de Mafate

24.10. La montée du Maïdo

La montée du Maïdo – einer der schwersten Anstiege im „grand raide – la diagonale des fous“. Und wir mittendrin!

hier sollte jetzt eigentlich ein Foto vom Lauf hin. Das gibt es… irgendwann. Wenn sich ich etwas von Computertechnik verstehe oder sich ein rettendes Genie bei mir meldet. 

Nach dem Frühstück fahren wir „in Familie“ in den Norden. Die Insel ist wirklich winzig. Es sind nur geringe Distanzen aber sobald es und Innere geht wird es kurvig und damit anstrenget und langwierig. Wir warten hier in einer Art sportlich, fröhlichen Picknick Atmosphäre an einem der schwierigsten Streckenpunkte auf die ersten „Verrückten“. Wenn sie diesen Punkt passieren, haben sie mittlerweile 120 Kilometer in den Beiden und sind seit 16 Stunden unterwegs. In Deutschland wäre alles abgeriegelt. Hier liegen die Picknickdecken 2 Zentimeter neben der Strecke. Die Kinder spielen mit anderen, ich unterhalte mich mit einem Mann aus Bad Liebenstein, seine Frau und sein Sohn rennen mit. Er stellt gerade ein Zelt auf und richtet sich drauf ein, dass sie es irgendwann in der Nacht erreichen. Nach 32 Stunden gehen die Streckenposten nach hause. Wer es bis dahin nicht ins Ziel geschafft hat, ist offiziell gescheitert. Dabei geht man davon aus, dass nur knapp 75% überhaupt das Rennen vom Start bis Endpunkt schaffen: 172 Kilometer, 9990 Höhenmeter in mindestens 32 Stunden. 

Die Meute wird unruhig. Die ersten Läufer werden ausgemacht und kämpfen sich gerade den Berg hinauf. Wir stellen uns auf um sie anzufeuern. Gänsehautgefühl. Was für Männer. Da kommen sie. Herrje, die sehen aus als wären sie einem Höllenschlund entronnen. Schmerzverzogene Gesichter, völlig in ihre eigene Welt abgetaucht, glasige Augen, jede einzelne Muskel sichtbar. Großzügig geschätzte  0,2% Fettmasse auf kleine 160 cm Körpergröße verteilt. Interessante Geschöpfe. Und schwups sind sie schon wieder verschwunden.

Wir beenden den Tag mit einer eigenen „kleinen“ Wanderung von drei Stunden. Ich muss unbedingt fit werden. Die Kiepe mit Ella-Lou ist schwer, aber diese Aussicht lenkt ab. Diese Landschaft hier ist unendlich vielseitig. Nur ein paar Höhenmeter und schon zeigt sich einem eine komplett andere Landschaft.

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Irgendwann trennen sich unsere Wege. Ich schaue den dreien noch ein bisschen hinterher, bis ich nur noch einen blauen Punkt ausmachen kann – die Tragekipe in der Gabin sitzt.

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Auf meinem Heimweg gehet mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Sinn: Ich will auch! Der Weg, den die „Verrückten“ laufen ist der GR R2. Ohne Umwege 126 km Gute Wanderer schaffen ihn in 14 bis 18 Tagen. Ich habe die Reise mit der Phantasie geplant, ebenfalls auf dem GR R2 die Insel zu überqueren. Ich dumme Nuss.

Bildschirmfoto 2014-12-14 um 13.48.48Ihn gänzlich zu gehen, habe ich mir abgeschminkt. Aber einige Stücke vom  R2 und dem R1, dem anderen sensationellen Wanderweg zu gehen muss drin sein! Viele Steckenabschnitte sind nur zu Fuss erreichbar. Das würde bedeuten, sollte etwas passieren, bin ich mindestens ein- oder drei- Tageswanderungen von der nächsten „Hilfestation“ entfernt. Aber mich deshalb jetzt auf Spaziergänge und Strand zu beschränken?!

25.10 Planung

Ausgeschlafen. Muskelkater. Ziel vor Augen: Ich will mindestens in ein Tal und auf einen Gipfel! Gruppenwandern ist nichts für mich. Ich habe keine Lust auf gezwungene Kontaktaufnahme mit Menschen, die mir evtl. unsympathisch sind. Überhaupt finde ich Gruppen auf Dauer anstrenget und Dauer fängt bei mir nach 2 Tagen an.  Dennoch rufe ich die vier größten Anbieter an um zu erfragen, ob es nicht doch eine Möglichkeit gebe, zumindest einen Teil man einem Stück der Strecke mit Ella-Lou zu gehen. Alle Anbieter weisen mich ab. Aus Versicherungsrechtlichen Gründen könnten sie keine Kinder unter 12 Jahren mitnehmen. Mir geht es ja weniger um die Kinder, als um das Gepäck, dass ich so nicht gänzlich alleine tragen müsste und die Absicherung bzw. die medizinische Betreuung und dass ich nicht allein mit Lou unterwegs bin.

Mit einem der Anbieter telefoniere ich länger und seine klare Aussage hilft mir weiter: Auf den klassischen Routen ist man nie allein. (Die Wanderungen beginnen früh am morgen, da ab 11 Uhr die Wolken in die Berge ziehen und es nebelig und regnerisch wird. Man trifft sich am Einstig und kann sich zu einer Gruppe dazugesellen.) Es gibt Abschnitte, die jeweils nur einen Tagesmarsch vom nächsten, mit dem Auto zugänglichen, Punkt entfernt liegen. Es gibt 2 Täler die, in Notfällen, von einem Hubschrauber beflogen werden können. Und es gibt auch Familien die diese Wanderungen machen. Er empfiehlt mir einige Strecken und gibt mir die Telefonnummer der Hüttenreservierung.

Ich nehme mir einen ganzen Tag zeit, telefoniere, lese und plane. In den Minuten, in denen die letzten Läufer des Grand Raide in Saint Denis ins Ziel gehen, bin ich mit dem Setzen meiner Ziele fertig: Ich werde den GR R1,2 und 3 gehen – in einzelnen Partien, die ich an einem Tag laufe und am Ende wieder zum Ausgangspunkt zurück kehre (das bedeutet viel Fahrerei aber wenig Gepäck gute Sicherheit und erstmal „Rein Kommen ins Wandern“) und in einer Runde von drei Tagen, bis dahin bin ich fit und kann das Gepäck und Lou sicherlich tragen. Ein kleines Stückchen der grossen drei Wege. Ja.

Drei kleine Partien davon sind wir ja schon gelaufen: La Glacière depuis le Maïdo -GR R1 (mit der französischen Familie vom Strand), Dos d’âne le cap noir et la roche verre Bouteille – GR R2 (mit Nadia) und la fenêtre – GR R2 (mit Gabin und seinen Eltern). Und genau so mache ich weiter.

Am Abend. Ich gönne Lou und mir noch einen Sonnenuntergangsschwimmen. Dabei treffe ich Philippe und Gubièrt. Ein Jazz-Ska Konzert am Strand in St. Paul fängt in einer Stunde an. Wenn ich Lust hätte könnte ich mit kommen. Und was mache ich mit Lou? Mensch Paula, jetzt mach dich locker! Schau dich um, es ist fast 20 Uhr und hier tollen immer noch Kinder jeden Alters umher und die sind um 22 Uhr auch nicht im Bett. Aber ein Konzert. Ach was soll´s. Ich packe meine Süße in die Manduka, setzte mich ins Auto von zwei fremden Jungs und fahre mit ihnen zu einem Ska-Konzert. Wie bescheuert bin ich eigentlich?

Gar nicht bescheuert! Mitternacht. Ich falle müde und überglücklich ins Bett. Ich brauche neue Sandalen. Die Prinzessin hat ihre Schuhe durchtanzt. Oder wie ging das Märchen? Die Band war großartig. Bass im Bauch, Melodie im Ohr, Sand zwischen den Zehen, wunderbare Menschen um mich herum und eine entspannt schlafende Tochter im Arm. Zugegeben sie war das jüngste aber nicht das einzige Kind. Fest an mich gekuschelt schlief sie selbst während ich tanzte. So gehts also auch.

26.10 La ravine de Saint Gilles. 

9 Uhr. Mit Ozean-nassen Haaren sitzen wir im Café am Markt, haben die Tüten voller frischem Obst und Gemüse, das erste Pain aux Chocolat im Bauch und das zweite folgt ihm. Das Büro der Wanderzentrale hat angerufen, alle Hütten, die ich buchen wollte sind ausgebucht. Autsch. Das bedeutet also noch mehr Fahrerei und Organisation! Die beiden Hütten der Rundwanderung seinen zu einem andern Termin verfügbar, egal, buche ich. Es ist Hochsaison und die Berge, Täler und Vulkane werden bekraxelt und wir wollen mit kraxeln.

Das Wetter drückt heute extrem. Die Wolken hängen tief, die Sonne brennt, es weht kein Lüftchen, das atmen fällt schwer. Sauna-Atmosphäre. Vom Markt in unsere Unterkunft nehmen wir einen Umweg um noch mal ins Wasser zu springen. Lou ist nicht zu bremsen im Wasser. Ich verbringe so so so gerne meine Zeit mit ihr. Aber ich ziehe meinen Hut mit tiefem Respekt vor allen Alleinerziehenden! Seit zwei Wochen kümmere ich mich ganz alleine um meine Tochter. Das ist, neben allem Schönen, auch anstrengend. Ich habe keinen Moment für mich. Will ich mich um anderes als ihre Muschelsuche und Sandkuchen kümmern, muss sie immer mit einbinden bzw. ein Auge auf sie haben. Erst wenn sie schläft, kann ich mich um meine Belange kümmern und das dann auch nur halb, weil ich selbst längst im Bett liegen möchte. Ich frage mich, wie machen das andere? Wie hat das meine Mutter mit zwei Kindern geschafft? Lou und ich reisen, das ist nicht mal der normale Alltag und doch ist es jetzt schon manchmal wirklich anstrengend sich ganz alleine um mein Mädchen zu kümmern. Respekt an alle, die ihren Alltag ALLEIN mit Kind bezwingen!

12 Uhr. Wir sind vom Wasser erfrischt, leichter Wind kommt auf und eigentlich wollten wir jetzt los zu einer Wanderung. Aber irgendwas ist im Anmarsch. Ich bin vorsichtig, sage schweren Herzens die Mitfahrgelegenheit ab und lege mich zusammen mit Lou zum Mittagsschlaf hin. Kaum das ich liege kommt der Anfall. Nur ein kleiner Kribbeler, nichts Schlimmes. Mein Bauchgefühl stimmt. Sollte mir das auf einer der Wanderungen passieren, breche ich alles ab. Aber wie abbrechen wenn ich mitten in den Bergen bin? Mist. Mist. Mist. Ich darf nichts riskieren. Wieder wird mir deutlich, was ich eigentlich immer wieder riskiere. Ich bin leichtsinnig. Ich gehe fahrlässig mit meiner Gesundheit um und noch viel schlimmer, mit der meiner Tochter. Mist. Mist. Mist. Das ist mir alles schon lange bewusst. Wieder diese Zweifel. Bin ich leichtsinnig? Bin ich mutig? Die Antwort ist klar: wenn alles glatt läuft bin ich mutig, wenn nicht, bin ich am Arsch. Ich will aber nicht zweifeln, ich will leben! Mit Extrakoffer. Ich schiebe die dunklen Gedanken beiseite und schlafe endlich ein.

Am Nachmittag sind die Wolken verzogen, im Himmel und in meinem Kopf. Sicherheitsnetz: ich sage Nadia sicherheitshalber jedes Mal wo wir hinfahren und entscheide mich für eine kleine Wanderung gleich um die Ecke.

Cascade des Cormoran. Keine zwei Stunden später liegen Lou und ich auf grossen, warmen, glattgewaschenen Steinen, die Beine im Wasser. Der Wasserfall rauscht uns sein lautes Lied, wir blinzeln in die Sonne und geniessen den Moment.

Rückweg: mir spritzt der schweiz aus allen Poren. Ich muss alle paar minuten stehen bleiben um entweder ein Foto der unerträglich schönen und sich immer wieder verändernden Landschaft zu machen oder um meinen Schweiß ab zu wischen oder um einfach nur durch zu atmen. Lou brabbelt auf meinem Rücken und ich bin glücklich.

Am Parkplatz angekommen trinke ich in kürzester zeit eine Flasche Wasser leer. Wenige Minuten später speie ich wieder alles aus. Etwas gelernt. Zu viel Wasser, in kurzer Zeit, nach großer Anstrengungen ist dumm!

27.10.

Vanille ist eine Orchidee. Und wieder was gelernt. Wir machen eine Führung durch eine Vanilleplantage – eine Kooperation der ortsansässigen Bauern um dem Druck der großen Fabriken zu entgehen-, besuchen eine Zuckerrohrfabrik, verköstigen Rum, kaufen das Weihnachtsgeschenk für Lous Opa – der wird sich freuen! – und genießen am Abend das erfrischende Bad im Indischen Ozean bei 27 Grad Wassertemperatur und ein Bier am Strand.

Ich fühle mich leicht.

2 Gedanken zu “Cirque de Mafate

  1. Liebe Paula,
    Ich denke oft an euch und will unbedingt mit dir im Sommer auf einem Ska-Konzert Schuhe durchtanzen. (Mit Milan und Ella).
    Genieße deine Reise in vollen Zügen, in Deutschland ist es kalt und grau.

    Danke für die Blumen 😉
    Ihr fehlt uns sehr!

    Liken

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