le grand raide

Papier- und Bleistiftaufzeichungen, mit Sicherheit wasserfest! 

22.10

6:30 morgens, Route National irgendwo zwischen St. Gilles und St. Pierre.

Natürlich ist auf Idris und seine Mitfahr-Versprechen kein Verlass. Also haben wir uns selbst eine Mitfahrgelegnheit organisiert. Ich habe eine Familie am Strand kennengelernt, die Mutter arbeitet im Süden, sie nimmt uns mit und lässt uns an einer Bushaltestelle Richtung Landesinnere/ Berge raus. Ich habe für 2 Tage gepackt, ein Zimmer gebucht und will versuchen bis nach Saint Pierre zu kommen um am 23.10 den Start des Grand Raide mitzuerleben. Heutiges Ziel: Entre-Deux, ein Kreolisches Dorf von dem aus viele Wanderungen gehen.

Mit den Bussen kann man sich nicht verfahren. Es gibt immer nur eine Stichstrasse vom Meer in die Berge der jeweiligen Region und die richtige Richtung erkennt man, in dem man schaut wo´s Meer ist. Busfahren ist ein Erlebnis: in einigen erfriert man, in den nächsten erstickt man. In beiden Fällen ist die Klimaanlage kaputt. Ein anders Mal hat der Fahrer die Musik so laut aufgedreht, dass die Scheiben vibrierten und die Bank hinter mir nach allen Kräften mitsingt. Um den Haltewunsch anzuzeigen, klatscht man in die Hände.

Lou liebt Busfahren. Am Ende einer langen Strecke hat sie mindestes auf der Hälfte aller Schösse unserer Mitfahrer gesessen. Dabei ist sie es, die den Kontakt sucht und geradezu provoziert. Sie schaut über einen Sitz und strahlt, versteckt sich und schaut wieder hervor. Dann quietscht sie und streckt das Händchen nach demjenigen aus. Wenn sich niemand angesprochen fühlt, hampelt sie hin und her und quietscht, bis sie die volle Aufmerksamkeit hat. Sind Kinder in der Nähe möchte sie sofort mit ihnen spielen. Fordere ich Lou jedoch dazu auf, z.B. zu einem Kind Kontakt aufzunehmen, versteckt sie sich hinter meinem Rücken. An Haltestellen oder bei Wanderimbissen, krabbelt sie zu fremden Personen und will von Ihnen auf den Arm genommen werden. Wenn sie den weissen Bart des Inders ausreichend inspiziert hat, schaut sie zu mir und streckt ihre Ärmchen zur Kopfbedeckung einer Afrikanerin. Kaum auf deren Armen angekommen spielt sie an der bunten Glasperlenkette der Dame. Die Leute lassen sie gewähren. Je höher wir kommen, je dörflicher es wird um so mehr gehen die Menschen auf ihr Spiel ein. So kann es leicht passieren, dass wir eine Stunde mitten auf einer staubigen Landstrasse spielen. Ich lasse sie und erfreue mich an ihrer Neugierde und der Offenheit der Menschen. Manchmal geht mir das Bild von einer Bushaltestelle in Deutschland durch den Kopf. Ich bin mal gespannt wie die Leute dort auf Lou’s Schabernack reagieren.

Entre-Deux finde ich langweilig. Überhaupt haben Städte hier keinen oder maximal einen sehr geringen Attraktivitätswert. Mein DUMONT Guide-la reunion erzählt in geschwollenen Worten von original kreolischen Dörfern mit kleinen, pittoresken, Häusern in strahlend bunten Farben; landestypischen Strassenzügen und schmackhaftem Carî. Tatsächlich stehe ich in einem abgeschiedenen winzigen Dorf, bestehend aus einer Hauptverkehrsstrasse und zwei staubigen Nebenstrassen in denen streunende Hunde im Müll nach Essbarem suchen. Riesige LKWs mit Tonnen von Zuckerrohr beladen schleichen durch das Dorf, eine riesige Autokolonne hinter sich her ziehend. Die pittoresken Häuser bestehen aus Wellblech, welche, wo die Farbe noch nicht gänzlich abgeblättert ist,  maximal ein scheckig verblichenes rosa/gelb/grün Gemisch erahnen lassen. Das vollmundig klingende Carî ist fettiger Schweinefusseintopf, der auf offenem Feuer in einer ausrangierten Waschmaschinentrommel vor sich hin blubbert.

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Biegt man allerdings ab und geht ein paar Hundert Meter in einen Wald hinein, einen Berg herauf oder eine Böschung herab, wird man fündig! Nicht Stadt, sondern Natur, das ist Reunion.

Wir verlassen also Entre-Deux und stapfen einen Berg hinauf, auf halber Strecke treffen wir auf eine Familie.

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Gabin, Thibault, Florine

Nach einer gemeinsamen Picknickpause, haben Lou & ich einen Schlafplatz für die nächsten zwei Nächte, eine Wandergruppe für den nächsten Tag, einen Spielkameraden und zwei äußerst liebeswerte Erwachsene gefunden. Herrlich. Genau das ist Reisen und macht es so spannend. Spannend finde ich, dass das also auch mit Kind geht. Toll. Ich sitze euphorisch, unerwartet frisch geduscht und entspannt an einem reich gedeckten Familien-Abendbrot-Tisch. Lou spielt mit Gabin, der genau 5 Monate älter ist und ich fühle mich zum ersten mal auf dieser Insel und in unserem Reisen angekommen.

23.10

Ich habe seit langem nicht so ausgedehnt und viel gefrühstückt. In Familie schmeckt einfach alles viel viel besser. Derart gestärkt wandern wir heute zum La Fenêtre. Ein wunderschöner Wald-Höhen-Wanderweg mit einem phantastischen Ausblick auf das Cilaos Tal und einem anschließenden Picknick.

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Den Nachmittag verbringen wir im Garten, die Kinder planschen, Florine kocht, Thibault gärtnert und ich geniesse jeden Moment in Familie… und vermisse Holm. Die drei kommen aus dem Norden Frankreichs, wollten ihrem Kind mehr als nur Arbeit, Kindergarten und Alltag zeigen und sind für ein Jahr ausgestiegen und auf die Insel gekommen.

Am Abend, die Kinder schlafen längst, machen wir uns fertig um zum Start des Grand Raide nach Saint Pierre zu fahren. Eine Nachbarin kommt um auf Gabin aufzupassen. Lou nehme ich in die Manduka, sie kommt mit nach Saint Pierre, ca. 20 Autominuten entfernt. Ich habe ein schlechtes Gewissen, sie aus dem Schlaf zu reissen, nur weil ich etwas erleben will. Herrje, dieses Schlechte Gewissen sein dem ich Mutter bin, das nervt. Immer wieder kommt es in den unterschiedlichsten Momenten hoch. Ist es egoistisch jetzt mit ihr dorthin zu gehen? Muss das sein? Kann ich nicht darauf verzichten? Wird sie sich denn überhaupt wohl fühlen? Ist es nicht zu laut, zu eng, zu viel für sie? Ich stehe vor ihrem Bett, schaue ihr beim Schlafen zu und könnte mich ohrfeigen. Los Paula, dafür bist du doch hier. Ja aber ist das denn gut für Ella-Lou? Ahhhh!

Um 22 Uhr starten 2350 Läufer zu einem der anstrengendsten Läufe der Welt: 172 Kilometer, 9990 Höhenmeter und der Schnellste schafft es in weniger als 23 Stunden. Kein Wunder, dass man die Läufer „verrückt“ nennt. Was für ein Ambiente! Saint Pierre bebt! Als erstes starten 8 Menschen mit verschiedenen Behinderungen zusammen mit ihrer Entourage auf einer Art Trage auf 2 Rädern. Ich habe keine Vorstellung wie sie das schaffen. Und genau so wenig kann ich mir vorstellen wie man diesen Parcours auf seinen eigenen Beinen überstehen kann.
Die wenigen Eindrücke, die ich bis jetzt von den Wanderwegen erhalten habe, lassen mich vor Respekt und Erstaunen erblassen.

Der Start der Läufer ist bewegend. Lou wurde irgendwann wach und klatscht fröhlich quietschend mit uns zusammen. Es ist laut, afrikanische Trommler stehen neben uns, überall sind Lichter und viele viele Menschen, wir mittendrin und meine Tochter ist die Entspanntheit und Fröhlichkeit in Person. Und ich bin es ebenso: entspannt und glücklich.

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